Wie komme ich dazu ein Frauenversteher zu sein?

Immer wieder werde ich gefragt: Wie wird man eigentlich ein professioneller Frauenversteher?

Wie komme ich (ein Mann) also dazu, ein Buch mit dem Titel „Frauenversteher“ zu schreiben und als Experte auf diesem Gebiet Vorträge zu halten? Ich bin als zweites Kind meiner Eltern, sechs Jahre nach meiner großen Schwester, zur Welt gekommen. Meine Schwester hatte sich schon früh ein Schwesterchen gewünscht. Ein Bruder war absolut undenkbar und auch unerwünscht. Was sollte sie mit einem Bruder schon anfangen?

Zu meiner allergrößten Überraschung allerdings ignorierte meine Schwester in ihrer kindlichen Weltanschauung meine kleine, rosafarbene, phallische Erhebung auf ihre ganz eigene Weise: „Nicht schlimm, dass sie diese kleine Missbildung hat. Ich mag sie so, wie sie ist.“ Auch nachdem meine Eltern mehrwöchig versucht hatten, ihr klar zu machen, dass ich Carsten, ihr kleiner Bruder sei, fabulierte sie sich trotzig weiter in die Ansicht hinein, ich sei ihre kleine Schwester. Sie kümmerte sich anfangs wirklich rührend um mich. In den ersten zwei Jahren wurde ich von ihr gebadet, gewickelt, getröstet und gefüttert. Diese Zeit konnte ich fast vorbehaltlos genießen, auch wenn ich immer mit der großen Angst lebte, dass meine Schwester eines Tages beim Wickeln einen spitzen Schrei ausstoßen und mich mit der Erkenntnis „Ih, das ist ja doch ein Junge!“ angewidert vom Wickeltisch stoßen würde. Aber dieser Tag kam nicht. Im Gegenteil. Ich wurde so sehr von meiner Schwester „verweiblicht“, dass ich beizeiten erste Selbstzweifel hegte, wie es um meine Männlichkeit denn nun tatsächlich bestellt sei. Interessanterweise umgab uns meine Schwester zu jener Zeit ausschließlich mit weiblichen Kindern. All ihre Bekanntschaften, all ihre Freundschaften und Verabredungen waren weiblich.

Hinzu kam, dass mich meine Schwester bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Mädchen verkleidete. Kaum waren meine Eltern mal kurz aus dem Haus, zack, hatte ich einen ihrer Röcke an, und mir wurden Schleifchen ins Haar gebunden. Ich wurde hundertprozentig weiblich sozialisiert. Wir spielten mit Puppen, kämmten uns gegenseitig die Haare und spielten Mutter, Mutter, Kind. Und wir redeten! Meine Güte, was haben wir geredet! Ich lernte schon sehr früh, tief in weibliche Kommunikationsgefilde einzutauchen. Ich war es also gewohnt, mit Mädchen zu spielen, ich redete mit den Mädchen wie ein Mädchen, ich fühlte wie ein Mädchen, und ich trug Mädchenkleidung. So kann ich heute, als erwachsener Mann, aufgrund meiner frühkindlich weiblichen Sozialisation sehr gut verstehen, wie Frauen fühlen, reden und denken. Das macht mich vielleicht zu dem, was die Presse als einen »Versöhner zwischen den Geschlechtern« gemeint hat.

Mehr Infos und der Kurzfilm zum Buch hier: www.frauenversteherbuch.de

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